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Gloria von Antonio Vivaldi

Es war eine Sensation, als 1926 vierzehn Bände mit handschriftlichen Partituren von Antonio Vivaldi entdeckt wurden. Diese bisher unbekannten Werke waren Teil einer umfangreichen Musikaliensammlung von insgesamt 97 Bänden, die Mönche vom Collegio San Carlo in San Martino (Montferrato) aus ihrem Besitz der Turiner Nationalbibliothek zum Verkauf anboten. Die Begutachtung brachte sensationelle Erkenntnisse: Über 100 Instrumentalwerke, 12 Opern, eine große Anzahl Solo-Kantaten, ein vollständiges Oratorium sowie ein reiches Spektrum an geistlichen Werken für den kirchlichen Gebrauch wie Psalm-Vertonungen, Hymnen, Motetten, Choräle, liturgische Musik kamen ans Licht. Schon bald wurde klar: Dies war nur die Hälfte seiner Werke. Weitere wurden im Nachlass des Grafen Marcello Durazzo in Genua gefunden und angekauft. 1930 war der größte Teil der Kompositionen Vivaldis wieder vereint, ein stattliches Oeuvre von fast 500 Konzerten! Einige gelten noch als verschollen. Doch immer wieder taucht eines auf, zuletzt 2005 in Dresden.

Vivaldis enorme Produktivität stand vermutlich in engem Zusammenhang mit seiner Anstellung am „Ospedale della Pietà“, einem der vier großen Waisenhäuser Venedigs, das auch ein anerkanntes Musikkonservatorium war. Hier lebten ausschließlich Mädchen, von denen die Begabten eine anspruchsvolle musikalische Ausbildung erhielten. Zahlreiche Virtuosinnen gingen unter ihnen hervor. Chor und Orchester besaßen überregional einen hervorragenden Ruf und der Besuch einer Aufführung wurde zur Attraktion für Reisende aus ganz Europa. Vivaldi war hier zunächst als Geigenlehrer und Kaplan (er besaß auch die Priesterweihe), später als Orchesterleiter und zeitweise auch als Chorleiter tätig. An jedem Sonn- und Feiertag fanden Konzerte mit Instrumental- und Vokalmusik statt, für die er neue Werke zu komponieren hatte.

Das "Gloria" war vermutlich eines seiner ersten geistlichen Komposition für eine Messe zum Fest „Mariä Heimsuchung“ am 2. Juli 1713/14. Wie aus den Besetzungslisten der Aufführung hervorgeht, übernahmen die Mädchen auch die Tenor- und Bass-Stimmen sowie die Solopartien. Die Bassistinnen transponierten ihre Partien wahrscheinlich um eine Oktave nach oben, während die Tenoristinnen vermutlich in der Originallage gesungen haben.

Obwohl Vivaldi zu Lebzeiten als Komponist und Geigenvirtuose in ganz Europa bekannt war und von der Musikwelt hoch geschätzt wurde, gerieten seine Werke nach seinem Tod in Vergessenheit. Eine der Ursachen war, dass Vivaldi nur relativ wenige Kompositionen für den Druck freigegeben hatte. Stattdessen hatte er die Noten an reiche Privatleute verkauft. So rechnete er sich mehr Verdienst aus als durch Drucke, von denen man auch leicht Raubkopien herstellen konnte. Wer ein Werk von ihm haben wollte, musste also persönlich bei ihm vorsprechen. Vivaldi hatte auf diese Weise eine Zeitlang gute Geschäfte gemacht.

Dann aber änderte sich der Musikgeschmack und seine Kompositionen waren bei dem italienischen Publikum nicht mehr gefragt. Vivaldi übersiedelte 1740 nach Wien, um neue Aufträge zu finden, doch auch hier blieben er und seine Werke unbeachtet. Er verarmte und starb 1741. Die meisten seiner Kompositionen, die sich in den Privatbibliotheken befanden, wurden von der Musikwelt vergessen.

Nach der Wiederentdeckung seiner Werke fand im Jahre 1939, also fast 200 Jahre nach seinem Tod, eine „Vivaldi-Woche“ in Siena statt und viele seiner Arbeiten wurden erstmals wieder aufgeführt, so auch das „Gloria“ in D-Dur. Das Publikum war begeistert. Vivaldis Musik erlebte eine Renaissance und für das „Gloria“ war es der Start in eine Erfolgsgeschichte. Heute gilt die Hymne als die am häufigsten aufgeführte geistliche Vokalkomposition des Spätbarocks.

Die einzelnen Sätze

Der Text ist dem lateinischen Messtext des „Gloria in excelsis Deo” entnommen. Das Gloria ist Teil einer jeden Liturgie und erinnert an die weihnachtliche Botschaft der Engel auf den Feldern von Bethlehem.  Vivaldi konzipierte das Gloria jedoch nicht als Messteil, sondern als eigenständige Messe und teilte den Text in 12 Sätze auf, die die gesamte Liturgie begleiten sollen. Jeden Satz vertonte er entsprechend seiner textlichen Intention. Dabei setzte Vivaldi auf die Überzeugungskraft der einfachen musikalischen Grundelemente, die eine verblüffende Wirkung erzielen. Häufige Kontraste durch Tonartenwechsel, schnelle und langsame Tempi, Variationen zwischen lebhaften Bewegungen, festlicher Erhabenheit, hymnischen Steigerungen und ruhigen, lyrischen Sequenzen sorgen für ein hohes Maß an Abwechslung und Spannung. So entstanden vielfältige, sehr farbige musikalische Formate, die eine Bandbreite an Affekten und Stimmungen bei den Zuhörern erzeugen.

Nr. 1 Gloria in excelsis Deo: Ehre sei Gott in der Höhe.   Lebhafter Eingangschor zur weihnachtlichen Botschaft der Engel auf den Feldern von Bethlehem, fröhliche Grundstimmung, energiegeladen, temporeich.

Nr. 2 Et in terra pax hominibus bonae voluntatis:Und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade.  Getragene, langsam fließende, melancholisch wirkende Gesangslinien der einzelnen Chorstimmen in Moll. Sie bilden den Hintergrund für die lebhaften Violinen. Die  Ausdrucksstärke des Satzes wird u.a. durch die Dissonanzen und die Chromatik („Umfärbung“ durch das Erhöhen oder Erniedrigen eines Tones um einen Halbton) geprägt.

Nr. 3 Laudamus te, benedicimus te, adoramus te, glorificamus te: Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, wir rühmen dich.  Ein fröhliches Duett von Sopran und Mezzosopran.

Nr. 4 + 5 Gratias agimus tibi propter magnam gloriam: Und danken dir, denn groß ist deine Herrlichkeit.  Satz 4 ist ein kurzes Vorspiel und führt unmittelbar zu Satz 5.  Dieser Satz wurde als Fuge komponiert.

Nr. 6 Domine Deus, Rex caelestis, Deus Pater omnipotens: Herr und Gott, König des Himmels, Gott und Vater, Herrscher über das All.  Sehr lyrisches Sopran-Solo im Wechsel mit der Oboe. Der Satz vermittelt Innigkeit, Zartheit, Wärme.

Nr. 7 Domine Fili Unigenite, Jesu Christe: Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus.  Der durchgehend punktierte Rhythmus bewirkt eine schwungvolle, fröhlich Stimmung, die in den unterschiedlichen Chorstimmen variationsreich neu aufgegriffen und fortgesetzt wird. 

Nr. 8 Domine Deus, Agnus Dei, Filius Patris, rex caelestis, qui tollis peccata mundi, miserere nobis:  Herr und Gott, Lamm Gottes, Sohn des Vaters, König des Himmels, du nimmst hinweg die Sünden der Welt, erbarme dich unser.  Lyrisches Alt-Solo, unterbrochen durch wiederholte flehende Zwischenrufe des Chores.

Nr. 9 Qui tollis peccata mundi, suscipe deprecationem nostram. Du nimmst hinweg die Sünde der Welt, nimm an unser Flehen!   Kurzer getragener Folgesatz, der den Appell und das inständige Flehen von Satz 8 aufgreift und verstärkt.

Nr. 10 Qui sedes ad dexteram Patris, miserere nobis. Du sitzest zur Rechten des Vaters: erbarme dich unser.  Markante Alt-Arie, die trotz der Moll-Tonart leicht und elegant wirkt.

Nr. 11 Quoniam tu solus Sanctus, tu solus Altissimus, Jesu Christe: Denn du allein bist der Heilige, du allein der Herr, du allein der Höchste, Jesus Christus. Der huldigende Charakter des Anfangschors wird wieder aufgenommen.

Nr. 12 Cum Sancto Spiritu in gloria Dei Patris, Amen: Mit dem Heiligen Geist, zur Ehre Gottes des Vaters. Amen.   Prachtvolle Schlussfuge von Chor und Orchester.

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