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Werkinformationen: Symbolik

Eine unberechenbare Frau

Teilansicht aus Rad der Fortuna: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00085130/image_5)

Sie war es, die Carl Orff sogleich faszinierte, als er zum ersten Mal den mittelalterlichen "Codex Buranus" aufschlug, die Miniatur sah und den Begleittext las. Es war die Göttin Fortuna, die, auf einem Rad sitzend, sich als Herrscherin der Welt präsentiert.  Über dem Radkranz sind vier Schicksalsstationen eines Königs abgebildet: Links steigt er durch ihre Gunst auf, erreicht oben den Höhepunkt seiner Macht, verliert rechts die Krone und seine Macht wieder, bis er ganz unten, vollkommen erniedrigt, zurückkehrt und ein Anderer von ihr bevorzugt wird. Die einzelnen Stationen sind beschriftet mit: regnabo = ich werde König sein; regno = ich herrsche; regnávi = ich habe die Krone verloren; sum sine regno = ich habe keine Macht mehr.

Für Orff wurde diese zwielichtige Göttin zum Leitbild für seine "Carmina Burana" und die Entscheidungen hinsichtlich  Inhalt, Aufbau und Komposition.

 

Die Bedeutung der Allegorie

In der römischen Antike war die Göttin Fortuna (griechisch "Tyche") die Personifizierung des Glücks, des Schicksals und der Fruchtbarkeit. Ihr ursprüngliches Attribut war das Füllhorn oder die Kugel. Das Füllhorn symbolisierte Überfluss, Fruchtbarkeit, Kindersegen, die Kugel stellte die Weltherrschaft auf der Erde dar.

Doch die Schicksalsgöttin galt schon immer als unberechenbar, launisch, undurchschaubar. Sie verteilte ihre Gaben blind und wahllos, ohne Sinn für Gerechtigkeit oder Dauerhaftigkeit. Glück und Unglück wurden zufällig vergeben, ohne Verdienste oder Verschulden. Darauf deuten auch die beiden Schriftrollen, die Fortuna in ihren Händen hält. Die Rollen sind leer, unbeschriftet. Sie zeigen: Fortuna hatte keinen Plan. Sie agierte impulsiv, aus purer Laune heraus.

Ihr zwiespältiges, unzuverlässiges  Image kam dem christlichen Frühmittelalter entgegen, das den Glauben an die antiken Götter langsam einzudämmen versuchte.

Bei dieser Entwicklung half ein fünfbändiges Werk von Anicius Manlius Severinus Boethius, einem römischen Philosophen und Gelehrten der Spätantike, der im 6. Jahrhundert unter dem Ostgotenkönig Theoderich wichtige Staatsämter innehatte. Wegen angeblichen Hochverrats und Verschwörung wurde er zum Tode verurteilt.

Während seiner Haft schrieb er im Jahre 524 sein berühmtes Werk „De consolatione philosophiae“ (Vom Trost der Philosophie). Es besteht aus einem Dialog zwischen Boëthius selbst und der Dame „Philosophie“, die in der Rolle Fortunas in seinen düsteren Kerker tritt. Wortreich beklagt der Gefangene sein hartes und ungerechtfertigtes Los und führt sein elendes Schicksal auf ihre Launen zurück. Fortuna antwortet ohne Mitgefühl: „Dies ist unsere Macht, dies ununterbrochene Spiel spielen wir, wir drehen das Rad in kreisendem Schwunge, wir freuen uns, das Tiefste mit dem Höchsten, das Höchste mit dem Tiefsten zu tauschen. Steige aufwärts, wenn es Dir gefällt, aber unter der Bedingung, dass Du es nicht für ein Unrecht hältst, herabzusteigen, wenn es die Regel meines Spiels fordert.“

Die Dame "Philosophie" macht ihm klar, dass dieses Wechselspiel von Glück und Unglück Fortunas Natur sei. Sie gebe und nehme ganz nach Belieben und wann immer sie wolle. Ihre Unbeständigkeit sei das einzig Zuverlässige an ihr. Sie erinnert Boethius daran, dass er sich Fortuna selbst als seine Gebieterin ausgesucht habe. Und nun müsse er ihre "Sitten" ertragen. Doch es gebe eine Alternative: Er solle sich ganz auf sich selbst und auf den christlichen Gott verlassen, da beides sich außerhalb von Fortunas Zuständigkeitsbereich befinde. Der christliche Gott werde nichts dem Zufall überlassen. Was wie Zufall aussehe, sei in Wirklichkeit eine Lücke im Wissen des Menschen, der den göttlichen Plan nicht kenne. Er könne nicht beurteilen, was gut und was schlecht für ihn sei, könne aber auf Gottes Wohlwollen und Gerechtigkeit vertrauen.

Dieses Werk hatte enormen Einfluss auf das gesamte christliche Mittelalter und wurde in alle Sprachen des damals christlichen Europas übersetzt. Es wurde die wichtigste und am weitesten verbreitete ‚literarische‘ Quelle für die Fortuna-Thematik im Mittelalter. Als Zeichen ihrer Willkür erhielt sie im 11. Jahrhundert das Rad als Attribut. Dieses Rad wurde zum Symbol für den unerklärlichen Wechsel von Glück und Unglück im Leben der Menschen, das Fortuna nach Lust und Laune festlegten konnte. Glaubte der Mensch an Fortuna, so war er ihr ausgeliefert und hatte keine Möglichkeit, sein Leben selbst zu beeinflussen.  Es blieb ihm nur, den kurzen Augenblick des Glücks intensiv zu genießen, wohl wissend, dass schon bald Unglück und Leid folgen können.

Symbole der Wandlung

Grafik: Weberstedt

Für unsere Plakatgrafik haben wir eine Umarbeitung der Originalzeichnung gewählt. Das Rad und seine Figuren erscheinen hier als dreidimensionale Objekte. Statt der Beitexte wurde ein Text aus einem der Klagegesänge in den Radkranz eingraviert: „Fortune rota volvitur * Descendo minoratus * Alter in Altum tollitur * Nimis exaltatus“ (Fortunas Rad dreht sich. Mich Fallenden reißt’s nieder. Andere trägt es hinauf, allzu hoch erhoben)

Im Hintergrund des dreidimensionalen Rades wurde eine Sonnenscheibe eingefügt, von der bedrohliche Lichtblitze und Flammen ausgehen und das Rad erfassen. Damit erinnert es an ein Feuerrad. Diese Symbole erweitern die Originalzeichnung und stellen sie in einen neuen Bedeutungszusammenhang.

Die Bedeutung des Sonnensymbols

Die Sonne gilt als Urquell für das Leben auf der Erde. Mit ihren Eruptionen setzt sie ungeheure Energie frei und spendet so viel Licht und Wärme, dass sie das Leben auf der Erde ermöglicht. Ihr  verdanken wir Tag und Nacht, die unterschiedlichen Jahreszeiten, den Kreislauf von Wachstum und Vergehen in der Natur. Somit steht die Sonne einerseits für Vitalität und Energie, andererseits für den Wechsel und den Takt des Lebens. Letzteres hat sie mit Fortuna gemeinsam. Im Gegensatz zur Schicksalsgöttin geschieht der Wechsel durch die Sonne aber nicht willkürlich, sondern in einem gleich bleibenden, berechenbaren Takt.

Die Sonne / Sonnenscheibe war ein Kultsymbol der Bronze- und frühen Eisenzeit. Zur Sonnenwende wurden häufig "Feuerräder" den Berg hinabgerollt. (s.u.)

Die Bedeutung des Feuers

Es gehört zu den vier Grundelementen. Wie die Sonne spendet es Wärme und Licht. Als einziges Naturelement ist es aber auch in der Lage, den Zustand eines Stoffes in eine neue Zustandsform umzuwandeln (Schmieden, Glasblasen, chemische Prozesse, Alchimie, Nahrungszubereitung). Somit steht es  für Wandlung, Veränderung und Erneuerung. Doch das Feuer zerstört auch. Unbewacht und unkontrolliert kann es sich zu wahren Feuersbrünsten ausweiten und alles Erreichbare vernichten. Seine Beherrschung galt als eine der wichtigsten Errungenschaften der Menschheit. Es erhielt kultische Bedeutung, wurde gepflegt und durfte nie verlöschen (z. B. durch die Tempelpriesterinnen in der Antike).

In unserer Abbildung symbolisiert das Feuer beide Eigenschaften, die Zerstörung und die Wandlung, die dadurch eingeleitet werden kann. 

Genau diese Bedeutung hatte das Feuer früher auch für die Landwirtschaft. Nach der Ernte zündeten die Bauern oft ihre Stoppelfelder an. Das Feuer verbrannte die organischen Stoffe und setzte die anorganischen Mineralien frei. Diese standen dem Boden sofort zur Verfügung. So wurde das Feld gedüngt und für die neue Vegetation vorbereitet. Das Feuer beförderte damit die Erneuerung und Regeneration der Natur.

Feuerrad, Wikimedia Commons

Das Feuerrad

Das Feuerrad war die symbolische Form dieser Handlung. Zur Wintersonnenwende oder zu Ostern wurde ein brennender Holzreifen von einem Berg oder Hügel abgerollt. Das brennende Rad symbolisierte die Sonne, die vom Himmel fiel und den Winter besiegte. Auf seinem Weg verbrannte es trockene Grasflächen, auf denen sich im Frühjahr das Leben regenerieren konnte. Je weiter es rollte, desto besser wurde die Ernte im kommenden Jahr, so der Volksglaube. Diese Tradition stammt vermutlich aus der Bronzezeit und wird in einigen ländlichen Gegenden heute noch praktiziert.

Bildvergleich und Deutung

In der Originalzeichnung wurden vor allem die Hintergrundflächen bemalt. Das Rad selbst, die Figuren und die Schriftrollen der Fortuna sind, bis auf den Schmuck und die Kronen fast vollständig weiß. Zur Dekoration genügten die mit roter Tinte gezeichneten üppigen Faltenwürfe der Gewänder. Nur der König oben, der sich auf dem Höhepunkt seiner Macht befindet, trägt rote Beinkleider und erhielt die Königsfarbe Blau im Hintergrund. Auch Fortuna ist, bis auf einen grünen Umhang, weiß gekleidet. Die recht farblosen Figuren wirken seltsam bleich und leblos. Das Bild wirkt statisch, unveränderlich, was zum Charakter der unbeugsamen Fortuna passt.

Das zweite Bild zeigt die leicht verdunkelte Sonne auf rot-schwarzem Grund und in ihrer Mitte das Rad der Fortuna. Heftige Eruptionen finden statt. Um das Rad brodelt, lodert, schwelt und dampft es. Feurige Flammen, leuchtende Lichtblitze und weißliche Rauchfäden schießen hervor und scheinen das Rad in Bewegung zu setzen. Es routiert durch die Kraft der Sonnenenergie. Im Gegensatz zur Statik der Originalzeichnung strahlt das zweite Bild Dynamik und Spannung aus. Insofern entspricht es eher einer modernen Auffassung der Schicksalsthematik. Leben und Schicksal werden heute nicht mehr als statisch vorgegeben oder gar von den Launen eines Gottes abhängig betrachtet. Wir sehen es als dynamischen Prozess von genetischer Bestimmung, Umwelteinflüssen und Selbstbestimmung. So haben wir es in der Regel selbst in der Hand, einströmende Impulse von außen nach eigenem Gutdünken zuzulassen, auszuschalten oder zu verändern.

 

Informationsquellen

Lexika und frei verfügbare Online-Nachschlagewerke zu den Begriffen "Fortuna", "Boethius", "Sonne", "Feuer", "Feuerrad"

 

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