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Werkinformationen: Historie

Eine wechselvolle Geschichte

Vielleicht war es eine Schuldentilgung, vielleicht ein Vermächtnis oder eine Schenkung, die genauen Gründe, wann, wie und warum die mittelalterliche Handschrift „Codex Buranus“ in das Kloster Benediktbeuren in Bayern gekommen war, kennt man nicht. Sein Inhalt jedenfalls passte nicht zu einem Kloster, wurde daher geheim gehalten und in einem eigenen Behältnis zusammen mit anderen verbotenen Büchern hinter verschlossenen Türen aufbewahrt.

Hier ruhte die Handschrift etwa 500 Jahre, bis der Direktor der Münchner Hofbibliothek Christoph Freiherr von Aretinim im Jahre 1803 im Zuge der Säkularisierung (Einziehung oder Nutzung kirchlicher Besitztümer durch den Staat) den Auftrag erhielt, „alle baierischen Abteyen zu bereisen, die Bibliotheken derselben zu durchsuchen, und die brauchbaren Bücher daraus für die hiesige Hof- und Nationalbibliothek auszuwählen“. Das Kloster in Benediktbeuern fiel in seinen Zuständigkeitsbereich. Rund 250 unterschiedliche Handschriften fand er in der Klosterbibliothek und brachte sie auftragsgemäß in die "Bibliotheca Regia Monacensis" (Bayrische Hofbibliothek München). Darunter befand sich auch die bisher völlig unbekannte und gut verschlossene Lyriksammlung des Hochmittelalters, die er als Reiselektüre benutzte und völlig überrascht von deren Inhalt war, wie er einem Freund sogleich schrieb. Diese Handschrift nannte er nach ihrem Fundort „Codex Buranus“ (Beurer Sammlung/Handschrift aus Benediktbeuern)

Die Sammlung bestand aus mehr als 200 Pergamentblättern mit 323 inhaltlich völlig unterschiedlichen Gedichten. Sie waren größtenteils in der Zeit des Hochmittelalters im 11., 12. und 13. Jahrhundert verfasst worden, einige Texte konnten antiken Dichtern zugeordnet werden.

Geschrieben sind sie hauptsächlich auf Latein, Mittelhochdeutsch und Mittelhochfranzösisch, manche Texte in gemischten Sprachen. Die meisten Texte wurden anonym verfasst. Bei einigen konnten bekannte Dichter wie Walther von der Vogelweide festgestellt werden. Durch den Vergleich der Handschriften und Dialekte machten die Sprachforscher hauptsächlich zwei Hauptschreiber und einige weitere Schreiber der Nachträge aus.

Auch der Entstehungsort ist unsicher. Man schließt aus verschiedenen sprachlichen und inhaltlichen Besonderheiten sowie Namensnennungen in den überlieferten Texten auf den Hof des Bischofs von Seckau in der Steiermark oder das Augustiner-Chorherrenstift Neustift bei Brixen in Südtirol.

Inhaltlich sind die Texte sehr vielfältig: Man findet Minnelieder, Trinklieder, geschichtliche, mythische, religiöse, moralische, satirische und erotische Gedichte. Einige Gedichte waren vertont und ihre Melodien in der mittelalterlichen „Neumenschrift“ notiert. Im 15. Jahrhundert waren die Pergamentblätter gebunden worden, allerdings in falscher Reihenfolge. Zudem gingen mehr als 24 Blätter, darunter auch der Eingangsteil der Sammlung, verloren. Bislang konnten sieben Blätter wieder entdeckt werden.

Der Sprachforscher und Professor für altgermanische Sprache und Literatur Johann Andreas Schmeller wurde 1829 zum Kustos der Hof- und Staatsbibliothek München ernannt und betreute die Handschriftenabteilung. Schmeller ordnete erstmals die durcheinander geratenen Papiere nach „Scherz“ und „Ernst“. In dieser Reihenfolge gab er die erste Gesamtausgabe des „Codex Buranus“ in gedruckter Form heraus und nannte sie „Carmina Burana“ (Beurer Lieder). In alten Bucheinbänden fand man später einige fehlende Blätter des Codex Buranus und unleserliche oder fehlerhafte Textstellen wurden korrigiert. Auf dieser Basis und weiteren Forschungen zur Entstehung und Überlieferung wurde die ursprüngliche Reihenfolge rekonstruiert und 1930 herausgegeben.

Heute wird sie unter der Signatur Clm 4460 und Clm 4460a in der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrt. 2014 wurde sie vollständig digitalisiert und ist nun auch online abrufbar:

(http://www.hs augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lspost13/CarminaBurana/bur_car0.html)

Carl Orff entdeckte die Carmina Burana

Carl Orff (1895 - 1982) war in der Öffentlichkeit vor allem als Musikpädagoge bekannt, der sich der Idee verschrieben hatte, das musikalisch-rhythmische Gefühl aus der Bewegung heraus zu entwickeln. Nach dieser Idee schuf er gemeinsam mit einer Mitarbeiterin das Orff-Schulwerk.

Es war im Frühjahr 1934, als Carl Orff in einem Antiquariat die „Carmina Burana, Lateinische und deutsche Lieder und Gedichte einer Handschrift des XIII. Jahrhunderts aus Benediktbeuern“ entdeckte. Gleich auf der ersten Seite sah er die Miniatur „Das Rad der Fortuna“, darunter den Text: "O Fortuna / velut luna / statu variabilis."  Bild und Worte faszinierten ihn und er vertiefte sich in die Texte. Er lauschte auf den Klang der Sprache, ihren Rhythmus, ihre Bildhaftigkeit. Latein und Mittelhochdeutsch waren vokalreich, hatten ihre eigene Musikalität und einen mitreißenden Rhythmus. Sofort sah er ein Bühnenwerk mit Sing- und Tanzchören vor sich und machte sich daran, einzelne Lieder aus der Sammlung auszuwählen, neu zu ordnen und zu vertonen. In wenigen Wochen lagen die Entwürfe zu 24 Sätzen vor, die er weiter ausarbeitete und im August 1936 beendete.

Am 8. Juni 1937 fand die Uraufführung seiner „Szenischen Kantate: Cantiones profanae, cantoribus et choris cantandae, comitantibus instrumentis atque imaginibus magicis," („Weltliche Gesänge für Sänger und Chöre, begleitet von Instrumenten und magischen Bilder“) in Frankfurt/Main statt. Sie wurde ein riesiger Erfolg. Mehrere große Bühnen nahmen das Stück für die kommende Spielzeit an.

Doch plötzlich wurden die Zusagen aus fadenscheinigen Gründen wieder zurückzogen. Die Reichsmusikkammer der Nationalsozialisten hatte die "bayerische Niggermusik" für nicht erwünscht erklärt. „Undeutsch“ sei sie und würde „Jazzstimmung“ verbreiten. Die lateinischen Texte wurden als Provokation empfunden, da sie dekadente, pornografische Inhalte transportierten, die den deutschen Moralvorstellungen widersprachen. Verboten wurde das Stück nicht, blieb aber umstritten und wurde kritisch beobachtet. Auch andere Werke von Carl Orff standen nun im Kreuzfeuer. Entgegen der Kritiken wurde das Werk immer wieder mit großem Erfolg aufgeführt.

Durch die Berufung von Orffs Schüler und Freund Werner Egk in die Reichsmusikkammer im Jahr 1941 entspannte sich die Lage für Orff. Plötzlich wurde seine Musik auch von der Reichsmusikkammer anerkannt, man verschonte ihn mit kritischen Berichten und 1944 stand er sogar auf der „Gottbegnadeten-Liste", die den Vorteil bot, dass er weder zum Wehrdienst noch zu fachfremdem Arbeitseinsatz eingezogen wurde.

Was war geschehen?

Einerseits waren es die Einflüsse Egks, andererseits war man beeindruckt, dass Orffs Carmina Burana in der Lage waren, die Massen zu ergreifen. Zudem glich der Volksliedcharakter in der Musik dem Volksliedideal der Nationalsozialisten. Die stark akzentuierten Rhythmen, die Stakkati und Wiederholungen waren in der Lage (ähnlich wie die Propagandasprache) sich in die Köpfe hineinzuhämmern. So kam die musikalische Formensprache der Carmina Burana den nationalsozialistischen Zielen entgegen.

Die Beliebtheit des Werkes ist bis heute ungebrochen. Der Eingangschor "O Fortuna", bei dem Orchester und Chor in höchster Lautstärke starten, wurde bald zum populärsten Stück der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts und gehört heute zur Popkultur. Man hört ihn in der Werbung, bei Boxkämpfen, bei Reitturnieren, im Film. Michael Jackson und David Copperfield heizten mit diesem Stück das Publikum vor ihren Auftritten an. Kein Werk der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts wurde häufiger aufgeführt. Auch in Israel gehören die „Carmina Burana“ seit 1966 zum Standardrepertoire.

 

Informationsquellen:

- Wikipedie: Carmina Burana

- Michael Kater: Carl Orff im dritten Reich

- Markus Bandur: Carl Orff: Carmina Burana

 

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